Britta hat geschrieben:
Ich weiß jedenfalls was echte Trauer ist. Trauern tut man um geliebte Menschen, die man verloren hat. Man muß sie auch persönlich gekannt haben.
Wen hast du gekannt, der damals in Dresden starb und welche Art von Trauer hast du, die so lange nachwirkt?
Du bist ein Heuchler.
Was Du sagst ist Unfug.
Wenn Hunderttausende von Unschuldigen Menschen getötet wurden ist es ein Grund zu trauen, egal ob Verwandte darunter waren oder nicht.
Ein Land hat eine kollektive Geschichte und eine kollektives Gedächtnis, also auch eine kollektive Fähigkeit zum trauen. Die Menschen haben eine kollektive Fähigkeit zu trauen. Wir trauen um die Opfer des Holocausts, wir trauen um die Millionen von Soldaten, die in den Kriegen ihr Leben verloren haben, wir trauen um die zerbombten Zivilbevölkerungen, wir trauen um Hiroshima und Nagasaki, wir trauen um die Massaker, um die Gräueltaten und um die Genoziden überall auf der Welt, wir haben die Fähigkeit zu trauen, auch wenn keine Verwandte unter den Opfern waren, wir trauen über mehrere Generationen.
Was Du sagst ist grober Unfug.
Jocelyne Lopez
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„Nie ist die Zeit müde, neue Möglichkeiten des Lebens zuschaffen, wobei sie Wesen, Lügen, Sünden, in ihrem seltsamen Nichts begräbt. Die Zeit heilt alles, sagt man. Nach und nach - eher rasch -gelingt es ihr, verweigertes Vergeben durch Vergessen zu ersetzen. Sie nutzt die Trauer, die verlorene Hoffnung, ab. Sie überwuchert die Grabmäler. Sie wiederholt, im menschlichen Gedächtnis, durch Vergessen, die wohltuende, immer erneute Reinigung, durch die die Natur - wo «alles alles frisst» -, zu jeder Stunde die Spuren ihrer Leichen und Skelette verschwinden lässt. Trotz der Epen und Fabeln, trotz der Geschichte, und sogar durch sie hindurch, breitet sie über das Gewesene die schläfrige Distanz ihres Nichts. Warten, hoffen, glauben, werden wieder möglich. Das Leben lebt wieder auf, fängt wieder an.
Und doch nicht ganz. Diese Morgenröte ist nicht die erste. Irgendwo, in der neuen Stille, hört etwas, jemand, eine zahllose Menge, nicht auf zu stöhnen.
Das ist die Vergangenheit. Es ist vergangen. Es ist nicht mehr. Es gibt sie nicht mehr, diese Tage und Nächte; diese Jahre, Jahrhunderte, Minuten, Augenblicke; jene Kämpfe, Tränen, jenes Blut, die Lager, Gefängnisse; jene Bälle und Feste, Träume; jene Lebenden. Es gibt sie nicht mehr.
Und doch: wozu studieren die Geschichtsschreiber alte Dokumente unter der Lupe, wozu beugen sich die Archäologen über Bruchstücke von Keramik oder geschliffenem Stein? Wozu soviel Mühe und Arbeit, unter der Sonne oder der Lampe, um der Wahrheit näher zu kommen, die gewesen ist? Wenn das Gewesene, die Gewesenen, nichts mehr sind - warum kann man dann nicht einfach irgend etwas über sie sagen? Ist es nicht so, dass es im Nichts Raum gibt für irgend etwas?"
Jeanne Hersch „Meditation über die Zeit“
