julian apostata hat geschrieben:Jetzt aber mal ganz ehrlich. Hast du dir die Grafik angeschaut, beziehungsweise die inzwischen schon über 100 Jahre alten Formeln, nach der ich diese gezeichnet habe?
Ich kenne die Formeln der Lorentztransformation. Daraus ist ja die Zeitdilatation herleitbar. Rechnet man mit t'=t sqrt(1-v²/c²) das Ausmaß der Zeitdehnung aus, erhält man sofort das Ergebnis, das sich auch aus der Lorentztransformation ergibt. Die Dauer einer Sekunde in einem Ruhesystem dauert in einer relativ dazu mit z.B. v= 100000 km/s bewegten Uhr nach dieser Formel rund 0,943 Sekunden. Man erhält dieses Resultat also sofort, ohne diese "über 100 Jahre alten" Formeln anwenden zu müssen.
julian apostata hat geschrieben:Im eigenen Bezugssystem (K) kann man die Uhren synchronisieren, indem man eine bestimmte Zeit (T) vereinbart. Diese wird zunächst bei x=-3 eingestellt und dann wird ein Lichtstrahl losgeschickt. Ist er bei x=-2 angelangt, wird T+1 eingestellt, bei x=-1 wird T*2 eingestellt….
Das entspricht nicht meinen Vorgaben zum Experiment. Die Atomuhr wird im Koordinatenursprung aufgestellt x=0. Die Startpunkte der 4 Stoppuhren werden mittels Lichtsignalen ausgemessen. Da das Licht exakt 299792,458 km pro Sekunde zurücklegt, können die Startpunkte 100000 km, 150000 km, 200000 km und 250000 km von der Atomuhr entfernt exakt festgelegt werden. Die Stoppuhren werden an diesen Orten postiert und sie bewegen sich noch nicht.
julian apostata hat geschrieben:Auf dieselbe Art werden die Uhren in K’ synchronisiert.
Die Uhren werden nicht "auf dieselbe Art" synchronisiert. Der Start der Stoppuhren-Bewegung als auch der Start ihrer Zeitmessung beginnend ab 0 Uhr wird mit dem Start der Zeitmessung der Atomuhr ebenfalls beginnend mit 0 Uhr auf folgende Weise synchronisiert: Die Atomuhr sendet ein Lichtsignal in die Richtung der hintereinander in den genannten Abständen aufgestellten Uhren. Das Signal erreicht die erste Uhr nach der dem Abstand zur Atomuhr entsprechenden Laufzeit. Stoppuhr 1 stellt nun 0 Uhr ein, um zu erkennen, wann dieses Signal die letzte Uhr erreichen wird. Stoppuhr 2 macht daselbe, wenn das Lichtsignal bei ihr ankommt, Stoppuhr 3 ebenso. Die 3 Stoppuhren messen also jeweils die Dauer, die noch vergeht, bis das Signal die letzte Uhr erreicht. Die Atomuhr macht das ebenso. Wenn sie die Dauer bis zum Eintreffen bei der Stoppuhr 4 gemessen hat, stellt sie sich auf 0 Uhr zurück und beginnt erneut mit der Zeitmessung. Wenn die 3 Stoppuhren anhand ihrer Zeitmessungen den Zeitpunkt erkennen, an welchem das Signal die letzte Uhr erreicht, stellen sie sich auf 0 Uhr zurück und setzen sich in Bewegung. Und die Stoppuhr 4 startet beim Eintreffen des Signals sofort mit 0 Uhr. Damit sind alle Uhren exakt auf 0 Uhr und der Startzeitpunkt der Stoppuhren exakt auf Gleichzeitigkeit synchronisiert! An dieser Gleichzeitigkeit kann kein Zweifel bestehen, denn beim Synchronisationsvorgang findet noch keinerlei Relativbewegung statt.
julian apostata hat geschrieben:Und jetzt macht man eine Art Raumzeitinventur. In K werden zur Zeit t=0 alle Raumkoordinaten und Uhrzeiten beim direkten Gegenüber in K’ protokolliert.
Niemand macht bei diesem Experiment eine Raumzeitinventur. Nichts wird protokolliert. Zur Zeit t=0, auf welche alle Uhren gleichzeitig eingestellt werden, beginnt die Atomuhr mit der Zeitmessung, und die 4 Stoppuhren rasen los, ebenfalls mit der Zeitmessung beginnend. Stoppuhr 1 bewegt sich mit 100000 km/s auf die Atomuhr zu, Stoppuhr 2 mit 150000 km/s, Stoppuhr 3 mit 250000 km/s und Stoppuhr 4 mit 250000 km/s.
julian apostata hat geschrieben:Die nächste Raumzeitinventur erfolgt zum Zeitpunkt t=3s.
Niemand macht auch jetzt oder zu irgendeinem Zeitpunkt eine Raumzeitinventur oder sonstwas. Die Uhren sausen los, und jede wird nach 1 Sekunde die Atomuhr erreichen. Sie kommen also dort gleichzeitig an. Gegenüber ihren Eigenzeiten (auf jeder Stoppuhr sieht man, dass 1 Sekunde vergangen ist) muss die Atomuhr nun lt. ZD der SRT zurückgeblieben sein, weil man sie gegenüber den Ruhesystemen der Stoppuhr als die bewegte Uhr definieren kann (Relativitätsprinzip). Andererseits müssten nun in Bezug zum Ruhesystem der Atomuhr alle Stoppuhren zurückgeblieben sein - aber das wollen wir mal außen vor lassen.
julian apostata hat geschrieben:Und so erkennt man in K, dass innerhalb von 3 Sekunden sämtliche gegenüberliegende Uhren um 1,8 s vorgerückt sind.
Nichts dergleichen erkennt man. Es gibt keine "gegenüber liegenden Uhren". Alle beteiligten Uhren liegen auf der gleichen Linie. Alle wurden gleichzeitig auf 0 Uhr eingestellt. Die Lorentztransformation würde nun aber ergeben, dass der Start der Stoppuhren nicht gleichzeitig erfolgen kann und gibt andere, unterschiedliche Startzeitpunkte an. Das interessiert aber die Stoppuhren überhaupt nicht, denn sie werden beim Start auf 0 gestellt und haben nicht die Freundlichkeit, spontan zu jenem Zeitpunkt zu springen, den die Lorentztransformation errechnet. Sie zeigen die Werte aus der Lorentztransformation also nicht an und messen schlicht und einfach die Reisedauer bis zur Atomuhr.
julian apostata hat geschrieben:Wenn man in K’ genauso vorgeht wird man feststellen: Während auf der eigenen Nulluhr 1,8 Sekunden vergangen sind, hat sich die gegenüberliegende “Nulluhr” 1,44 Einheiten entfernt.
Niemand geht hier in irgendeiner Weise vor und niemand stellt irgendetwas an einer "gegenüber liegenden Uhr" fest. Wenn die Stoppuhren die Atomuhr erreichen, werden die Zeiten aller Uhren miteinander verglichen - und das ist alles.
julian apostata hat geschrieben:Und jetzt lassen wir das System rückwärts laufen, die untere Nulluhr sei die Atomuhr und die obere Nulluhr sei der Beobachter B.
Niemand lässt etwas rückwärts laufen. 4 Stoppuhren bewegen sich aus genau ausgemessenen Abständen mit solchen Geschwindigkeiten auf die Atomuhr zu, dass jede nach 1 Sekunde ihrer Eigenzeit die Atomuhr erreicht. Das ist alles. Nach der Formel t'=t sqrt(1-v²/c²) ist laut SRT eine ZD der Atomuhr zu erwarten, und dass die Atomuhr dies auch bestätigt.
julian apostata hat geschrieben:Nach dem Rückrufsignal ist (aus Sicht von K) B nach 3 Sekunden bei der Atomuhr, während bei B 1,8 Sekunden vergangen sind.
Solchen Überlegungen muss man sich nicht hingeben. Die Formel t'=t sqrt(1-v²/c²) sagt schon generell aus, welches Ergebnis zu erwarten ist. Damit sind auch alle Effekte, die sich aus der Lorentztransformation ergeben, schon berücksichtigt.
julian apostata hat geschrieben:Und für B ist die Atomuhr beim Rückrufsignal 2,4E *0,6 = 1,44 E entfernt. Auf der Atomuhr ist es beim Rückruf t=1,08s
Es gibt keinen "Rückruf", sondern nur einen Abruf! Es wird nicht in einer derart bestimmten Weise das Experiment aufgestellt und synchronsiert, damit sich ein gewünschtes Resultat ergibt. Es werden schlicht und einfach mehrere Uhren zueinander bewegt und ihre Zeitmessung letzlich verglichen. Sonst könnte ja der Verdacht entstehen, dass die berühmte Zeitdilatation nur vom bestimmten Aufbau eines Experimentes und vorgeschriebenen Uhrensynchronisationen abhängt. Das kann aber nicht sein, wenn die SRT eine Naturbeschreibung sein soll und nicht nur ein mathematischer Aprilscherz!
julian apostata hat geschrieben:Dass in der Grafik 3s steht, liegt daran, dass ich Bild 2 aus Sicht von K gezeichnet habe, deswegen wäre es vielleicht hilfreich einen Blick auf Bild 4 zu werfen und dieses einfach 0,8 Sekunden in die Zukunft interpolieren, dann haben wir genau die Situation von B beim Rückrufsignal.
Niemand wirft einen Blick auf irgendeine Grafik. Die SRT sagt, bewegte Uhren laufen langsamer, und wir überprüfen das, indem wir Uhren bewegen und mit einer "ruhenden" Uhr danach vergleichen. Die Formel t'=t sqrt(1-v²/c²) sagt nun für jede der Stoppuhren eine Zeitdilatation voraus, die beim Uhrenvergleich nun festzustellen wäre. Ist für die Stoppuhr 1 -Eigenzeit 1 Sekunde vergangen, sind's auf der Atomuhr dieser Formel nach 0,943 s, bezogen auf Stoppuhr 2 vergehen auf der Atomuhr 0,865 s, bezogen auf die Stoppuhr 3 sind es 0,745 s und 1 Sekunde auf der Stoppuhr 4 dauert auf der Atomuhr nur noch 0,552 s (alle Zahlen gerundet).
julian apostata hat geschrieben:Ist das grafisch und rechnerisch nachvollziehbar (auch wenn es der Intuition zuwider läuft)?
Mit der Intuition hat das gar nichts zu tun. Die Durchführenden dieses Experimentes zweifeln ja gar nicht an der Zeitdilatation. Wenn sie eine naturgegebene Tatsache ist, sollte sie durch das Experiment ja bestätigt werden. Natürlich stellen sie die Uhren nicht von vornherein an zuvor berechneten Koordinaten auf oder stellen die Uhren von vornherein im Sinne der Lorentztransformation so ein, damit alle Uhren beim Vergleich übereinstimmen (wie es Deine Erklärung nahelegt), denn dann wäre das Ergebnis ja kein bestätigtes Naturphänomen, sondern das Resultat einer Manipulation. Ist eine übereinstimmende Zeitanzeige bei allen Uhren das Ergebnis, kann dies natürlich nicht ein Resultat sein, das die SRT voraussagt. Denn dann sind ja alle Uhren gleich schnell gelaufen.
Weil aber die ZD der Atomuhr nun für jede der Stoppuhren unterschiedlich ausfällt, gibt es leider ein Problem, weil die Atomuhr ja nicht diese unterschiedlichen Resultate gleichzeitig anzeigen kann und die Frage bleibt, was zeigt sie denn überhaupt an?
Wenn eine Theorie dieses Problem nicht lösen kann, oder eine von ihr behauptete Zeitdilatation nur unter bestimmten vorgegebenen Umständen, Synchronisationsvorschriften und Koordinatenverschiebungen aufzeigen kann, dann ist es naheliegend , dass hier keine Naturbeschreibung vorliegt sondern tatsächlich nur eine mathematische Spielerei. Und das ist die SRT meiner bescheidenen Meinung nach und nichts weiter sonst.
Aber wenn ich mich Deiner Meinung nach irre, so musst Du mir ja nicht erklären, wie die ZD zustande kommt, denn das Endziel jeder solcher Erklärungen ist die Formel t'=t sqrt(1-v²/c²). Man muss nicht wissen, wie diese Formel zustandekommt, sondern man wendet sie einfach an, um zu erfahren, inwieweit eine bewegte Uhr gegenüber einer ruhenden nachgeht. Aber Du könntest mir freundlicherweise erklären, wie die Atomuhr vier unterschiedliche Zeitdilatationen anzeigt.
Und wenn Du das nicht kannst, solltest Du Deinen Glauben an eine Theorie, welche derartige Paradoxa am laufenden Band produziert, vielleicht mal überprüfen!
Grüße
Harald Maurer