Max Born hat geschrieben: Daher haben von Einsteins Standpunkt gesehen Ptolemäus und Kopernikus gleiches Recht. Welchen Ausgangspunkt man wählt, ist Sache der Bequemlichkeit.
Das allgemeine Relativitätsprinzip geht bekanntlich von der Forminvarianz der physikalischen Naturgesetze für beliebig bewegte Bezugssysteme unter Verwendung beliebiger Koordinaten aus. Dass die Lagrange-Gleichungen auch allgemein-kovariant sind, ist im Rahmen der Newtonschen Physik sicherlich richtig. Insofern enthalten sie bereits ein Erkenntniselement des allgemeinen Relativitätsprinzips. Allerdings handelt es sich dabei um 3-dimensionale Gleichungen mit der Zeit als Parameter, so dass sie noch eine Vorstufe der 4-dimensionalen Welt darstellen.
Die Aufgabe eines Weltäthers in der SRT als universelles Bezugssystem führt bekanntlich zur Relativierung der gleichförmig geradlinigen Bewegung, d.h. es gibt kein ausgezeichnetes Inertialsystem in der SRT.
Die ART wurde von Einstein und seinen philosophischen Anhängern in dieser Frage so interpretiert, dass sie zur Relativierung auch der beschleunigten Bewegung führt, weil man sich für deren Fixierung ja auf andere Körper beziehen müsse, für die es aber ebensowenig einen absoluten Bezugspunkt gäbe.
Würde man darin den Sinn des allgemeinen Relativitätsprinzips statt in dessen Kovarianzaussage sehen, so wäre meines Erachtens tatsächlich eine falsche Interpretation dieses Prinzips gegeben.
Ich gehe davon aus, dass die ART keine Relativierung der allgemeinen Bewegung impliziert. Mit der Theorie der bezugsinvarianten Aufspaltung von Tensoren existiert ein mathematisches Werkzeug, mit dessen Hilfe man tiefer in diesen Fragenkomplex eindringen kann. Mit der Aufspaltung der Bewegungsgleichung kann dieser Problemkreis sogar einer eindeutigen Beantwortung zugeführt werden. So gehen darin die Gravitationsbeschleunigung, die Zentripetalbeschleunigung und die Translationsbeschleunigung usw. ein, während die Coriolis-Beschleunigung eine Folge der Rotation des Bezugssystems ist.
Über einen eingeführten Rotationsgeschwindigkeitstensor lässt sich daraus der Vektor der Winkelgeschwindigkeit bestimmen und über eine bezugsinvariante Transformation tensoriell in ein inertiales und rotationsfreies Bezugssystem überführen. Auf prinzipiell ziemlich ähnliche Art und Weise kann z.B. der Sagnac-Effekt mit der SRT erklärt werden, indem man in ein nicht-rotierendes Bezugssystem transformiert und von dort aus die Bewegungsgleichungen beschreibt.
Um daraus nun so etwas Ähnliches wie eine Quintessenz herauszudestillieren, kann für die ART im Prinzip dasselbe wie für die Newton-Physik hinsichtlich des allgemeinen Relativitätsprinzips geschlossen werden: Das kopernikanische und das ptolemäische Bezugssystem sind äquivalent. Hinsichtlich der Grenzbedingungen im Räumlich-Unendlichen kann davon jedoch keine Rede mehr sein, da das kopernikanische System auch in der ART als ein verallgemeinertes Inertialsystem aufzufassen ist.
Gruss
