Meine vorangehende Erklärung war insofern falsch, dass ich irrtümlich von einer Aberration des senkrechten Strahls im MMI ausging, was natürlich falsch ist, worauf Ernst auch zu Recht hinwies.
Ich versuch's jetzt noch einmal, und denke, dass es so verständlicher ist.

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Voraussetzung für die Interferenz zweier Lichtstrahlen ist, dass sie übereinander zu liegen kommen. Nach der Berechnung Michelsons ist das nicht gegeben, und zwar aus folgendem Grund: Wir wissen, dass der senkrechte (orange) Strahl der schnellere der beiden Strahlen sein wird. Er wurde zeitgleich mit dem waagrechten (blauen) Strahl losgeschickt und kommt am Umlenker früher an, als der waagrechte Strahl und bewegt sich weiter Richtung Detektor. Der Treffpunkt am Umlenker für beide Strahlen muss übereinstimmen, andernfalls kommen die beiden Strahlen nicht übereinander zu liegen und es gibt keine Interferenz. An diesem Treffpunkt ist der langsamere (blaue) Strahl aber noch nicht angekommen, wenn der orange durchfährt. Auf dem Weg (bzw. in dem Zeitraum), den der blaue Strahl noch zurück zu legen hat, bewegt sich der Umlenker aber auf ihn zu. Genau am Treffpunkt trifft der blaue Strahl deshalb nicht mit dem orangen Strahl zusammen, sondern mit einem nachfolgenden (roten) Strahl, der jedoch später als der orange Strahl losgeschickt wurde!!! Denn in der Senkrechten laufen ja unzählige Strahlen parallel. Der blaue Strahl kann nur punktgenau mit jenem (roten) Strahl zusammen treffen, der just um jenen Zeitversatz losgeschickt wurde, den der blaue Strahl hatte! Denn nur dieser (rote) Strahl kann jener sein, der mit dem blauen am Umlenker so zusammen trifft, dass er diesen auch überlagern kann und sich eine Interferenz ergibt.
Im Idealfall gäbe es ein glattes Nullresultat. Michelson führt aber selbst eine Phasenverschiebung durch Drehung herbei, indem er eine durch Fehlerursachen nicht sofort vorhandene Interferenz mit dem beweglichen Spiegel korrigiert und dabei eine Veränderung einer Laufstrecke herbeiführt. Das macht er zu einem Zeitpunkt, in welchem aufgrund einer bestimmter Lage des MMI gegen dem Ätherwind ein Nullresultat zu erwarten ist (quer dazu), bei der Drehung wirkt sich diese Armlängendifferenz nun aus und ergibt ein Messresultat, das weit unter dem erwarteten Wert liegt. Mit diesem zu gringen Messergebnis hat Michelson aber den Äther dennoch nachgewiesen, wenngleich er sich falsch am orangen Strahl orientiert hat, denn auch dieser geringere Wert dürfte nicht auftreten, wenn Einstein oder Lorentz Recht gehabt hätten.
Das "Nullresultat" ist also lediglich darauf zurück zu führen, dass Michelson die Lichtlauf-Strecken über die Arme falsch zur Rechnungsgrundage nahm und nicht bedachte, dass die optischen Weglängen sich davon unterscheiden. Es ist ironischerweise genau der erwartete Zeitversatz, der sich durch den Parallellauf der senkrechten Strahlen hinweg kompensiert und ein Messergebnis verhindert, das der Geschwindigkeit des MMI durch den Äther genau entsprechen würde.

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Grüße
Harald Maurer