Chief hat geschrieben:Das ist falsch, in diesem Fall gibt es außer G-Kraft nur noch Zentrifugalkraft.
Man muss sich nur überlegen, was passiert, wenn das Motorrad nicht den Scheibenumfang entlangfährt, sondern irgendwo auf der Scheibe eine Kurve zurücklegt. Lassen wir z.B. ein Flugzeug in einer bestimmten Kurve über die rotierende Scheibe fliegen, so wird diese Kurve für den Beobachter auf der Scheibe anders aussehen als für einen im BS des Flugzeugs befindlichen Beobachter. Peilt das Flugzeug ein bestimmtes Ziel auf der Scheibe an, das sich während des Flugs weiterdreht, wird die dazu nötige Kurve anders geflogen werden müssen, als im Falle des Stillstands der Scheibe. Flöge man die Kurve, die für den Stillstand richtig wäre, so wäre sie nämlich im Falle der Scheibenrotation falsch - das Flugzeug würde das Ziel verfehlen. Mit dieser Überlegung wurde mir klar, dass jede beliebige Bewegungsform in den Bezugssystemen unterschiedlich aussehen wird. Und daraus muss man eben schließen, dass hier überall die Corioliskraft für jegliche Änderung der Bahn aus der Sicht des rotierenden Beobachters angenommen werden muss. Es ist also egal, ob es sich um geradlinige oder gekrümmte Bahnen handelt, und auch egal, ob sich eine gekrümmte Bahn irgendwo auf der Scheibe befindet oder diese Scheibe am Rand umrundet. Meine nächste Überlegung bezog sich auf die ungleichmäßige Abnützung von Eisenbahnschienen aufgrund der Corioliskraft oder die einseitige Auswaschung von Flussufern. Beides wird auch in Kurven beobachtet.
Ich gehöre auch zu jenen, die gerne Recht behalten. In diesem Fall bin ich aber zum gleichen Ergebnis gekommen wie Ernst - und gebe gerne zu, dass ich mich geirrt habe, als ich meinte, nur radiale Bewegungen würden die Annahme einer Corioliskraft nach sich ziehen. Da bin ich leider auch auf diverse falsche Erklärungen in der Literatur herein gefallen!
Ein längs des Äquators nach Osten abgeschossenes Objekt fliegt aufgrund der Fliehkraft für einen Beobachter am Äquator nach oben und krümmt sich dabei aber aus der Sicht dieses Beobachters gleichzeitig nach oben (weil der Beobachter sich gekrümmt nach unten bewegt). Für einen Außenbeobachter fliegt das Objekt aber geradlinig. Der Beobachter am Erdboden muss für diese Krümmung daher eine zusätzliche Kraft annehmen, eben die Corioliskraft. Dieses Bestreben, in Bezug zur Erdoberfläche mit gekrümmter Bahn abzuheben, ist auch in jedem Objekt bereits vorhanden, auch wenn es sich nur den Äquator entlang bewegt, weil die Erdoberfläche praktisch unter ihm ständig wegsinkt. Das Objekt wird dadurch bei Bewegung etwas leichter sein als bei Stillstand. Dass dafür nicht nur die Fliehkraft verantwortlich ist, zeigt sich prompt durch die aufwärts gekrümmte Bahn, die das Objekt einnimmt, wenn man es abschießt. Es gibt also keinen Zweifel daran, dass auch hier eine Corioliskraft wirksam wird (hier wirkt sie vertikal), obwohl die Bahn des Objekts am Äquator dasselbe Rotationszentrum hat wie die Erde (oder die Scheibe im Motorradbeispiel). Auch hier würde das Motorrad für den Beobachter auf der Scheibe in gekrümmter Linie aus der Bahn fliegen, auch wenn die Kreisbahn dasselbe Zentrum hatte wie die Rotation der Scheibe.
Also konnte ich nach diesen Überlegungen meine bisherige Ansicht nicht beibehalten und mich Ernst anschließen. Man lernt eben nie aus...
Grüße
Harald Maurer