Faber hat geschrieben:Ein Inertialsystem ist weder ein Koordinatensystem noch ein mathematisches Konstrukt.
Ein "
Inertialsystem" ist erstmal ein "
Begriff". Ein Begriff hat einen
Begriffsinhalt, der von den Menschen, die den Begriff verwenden und kennen abhängt. So kann ein Begriff mehrere völlig entgegengesetzte Begriffsinhalte haben. Nach meiner Kenntnis ist der Begriffsinhalt in etwa, dass es sich bei einem IS um ein Bezugssystem handelt, welches erlaubt die gleichförmige und geradlinige Bewegung von Objekten zu beschreiben. Wobei ich dazu dann immer noch den Zusatz mache, dass man soetwas nicht zu engstirnig handhaben sollte, d.h. dass nichts vollkommen ist - auch nicht das Fehlen von Beschleunigung, wobei solche Kraftwirkungen dann unterhalb einer sehr niedrigen Toleranzgrenze bleiben sollten. Beispiel sei einmal die einspurige Durchfahrt durch eine Baustelle auf einer Autobahn, wo die gesamte Fahrzeugkolonne die ausgeschilderte Höchstgeschwindigkeit einhält. Hier könnte man von der Autobahn ein Bezugssystem mit Längen- und Zeitmessung abstrahieren und die Bewegung der sich gleichförmig und geradlinig bewegenden Autos in einem s-t-Diagramm darstellen. Dieses so beschriebene Bezugssystem könnte auch den Namen "Inertialsystem" tragen.
Faber hat geschrieben:Das Trägheitsgesetz ist Resultat der Erfahrung (*) und die Existenz von Inertialsystemen ebenso.
Eine erkannte physikalische Gesetzmäßigkeit ist etwas anderes als ein erdachtes mathematisches Instrument, welches die Erscheinungen in der Natur kategorisieren und ordnen lässt. Der gewaltige Unterschied wäre, dass die gesetzmäßigkeit eines Naturphänomens auch dann vorhanden ist, wenn keine denkenden Menschen vorhanden sind, während Koordinatensysteme nur dann vorhanden sind, wenn jemand diesen Begriff anwendet. Insofern ist die Trägheit von Massen unabhängig vom denkenden Menschen vorhanden - z.B. ein Affe pendelt an einer Liane - während es Inertialsysteme immer nur dann gibt, wenn denkende Menschen diesen Begriff anwenden.
Faber hat geschrieben:Es gibt tatsächlich rotierende Objekte in der Natur, deren Rotation objektiv feststellbar ist. Und wenn etwas rotiert, dann immer in bezug auf irgendetwas anderes. Was das andere auch immer sein mag. Es ist da und detektierbar; und was detektierbar ist, das existiert. (Dies träfe selbst dann zu, wenn ein Inertialsystem gemäß Mach von den fernen Massen des Universums verursacht würde.) Inertialsysteme sind tatsächlich existent und keine Gedankenkonstruktionen.
Rotation findet auch dann statt, wenn niemand darüber nachdenkt, worauf die Rotation bezogen sei. Wobei "Rotation" wiederum ein Begriff ist, der sich auf eine spezielle Form der Bewegung bezieht, die dadurch hervorgerufen wird, dass auf Massepunkte eine Zentralkraft wirkt. Auch wenn niemand die Rotation detektiert, so findet die Rotation trotzdem statt, z.B. unbewohnte Planeten.
Faber hat geschrieben:Landau und Lifschitz sagen hier nur das Vernünftige. Sie behaupten ja nicht einmal, dass das Trägheitsgesetz tatsächlich wahr sei. Sie sagen lediglich, dass aus dem Trägheitsgesetz die Existenz der Inertialsysteme folgt. Das ist unmittelbar einleuchtend.
Meiner Ansicht nach wird hier mit den Begriffen geschludert und es werden völlig absurde Vorstellungen geweckt, was auch daran liegen mag, dass wir uns hier auf Zitate beziehen, die vermutlich aus dem Zusammenhang gerissen sind.
Faber hat geschrieben:Sie selbst sagen hier, dass ein Inertialsystem eine eigenständige Existenz unabhängig von Gegenständen besitzt. Oben sagten sie noch gegenteiligerweise, ein Inertialsystem sei ein "menschliches Konstrukt". Sie sind sich mit sich selbst nicht einig, was den ontologischen Status von Inertialsystemen angeht. Existieren diese nun Ihrer Meinung nach nur in unseren Gedanken oder existieren sie tatsächlich in der Natur?
Sehe hier allerdings nicht den Widerspruch. Der Begriff "Inertialsystem" bezeichnet ein Bezugssystem mit der Möglichkeit zur Längen- und Zeitmessung von Objekten, die sich kräftefrei bewegen. Dies ist ein rein mathematisches Konstrukt, welches sich an die Vorstellung von Koordinatensystemen anlehnt. Erst wenn ich eine Zuordnung von einem realen physikalischen Gegenstand auf ein so gedachtes Inertialsystem vornehme, kommt der Begriff "gegenständlicher Existenz" ins Spiel. Allerdings ist dann die Baustellendurchfahrt mit der gleichförmigen Geschwindigkeit der Autokolonne der Gegenstand, während das Inertialsystem eine Abstraktion darstellt, welche der Mensch vornimmt, um die Bewegung zwecks geistiger Durchdringung des Vorganges besser handhaben zu können.
Faber hat geschrieben:Denn es macht nur dann Sinn von Rotation zu sprechen, wenn die Rotation in bezug auf irgendetwas nicht-Rotierendes stattfindet. Die Kräfte zeigen, dass es Sinn macht, von Rotation zu sprechen, und das nicht-Rotierende bezeichnen wir als Inertialsystem.
Dies wäre jetzt eine völlig neue Definition von Inertialsystem. Und es wird hier wirklich chaotisch, was du von dir gibst. Rotation stellt eine spezielle Bewegung dar und der Mensch versucht zwecks differenzierter Verständigung und mathematischer Handhabung die unterschiedlichen Arten von Bewegungen in Kategorien einzuteilen: Rotation, gleichförmige Bewegung, geradlinige Bewegung, beschleunigte Bewegung. Jetzt in den Urschlamm menschlicher Denkgewohnheiten einzutauchen und mit dem Muster zu argumentieren, dass Glück nur vorhanden ist, wenn man Unglück kennt und es Armut nur gibt, wenn Reichtum existiert, halte ich für ziemlich hergeholt und dem physikalischen Denken fern. Was Rotation ist, ist im Allgemeinen vom Begriff her ziemlich klar und wird physikalisch noch durch das Vorhandensein einer wirkenden Zentralkraft weiter präzisiert.
Faber hat geschrieben:Gerhard Kemme hat geschrieben:Zweitens kann die Gewichtsangabe auf einem Sack Kartoffeln nicht mit dem Kartoffelsack selber gleich gesetzt werden, sondern stellt eine geistige Abstraktion dar.
Jein. Dass die Gewichtsangabe auf dem Sack steht, ist nur dann möglich, wenn der Sack (im Geiste) durch den menschlichen Verstand gewandert ist. Soweit ok. Hinter der Gewichtsangabe steht aber eine objektive Realität, die wir mit der Gewichtsangabe bezeichnen. Auf dem Kartoffelsack mag stehen: halb so schwer wie die Zementsäcke vom Nachbarn. Ich würde diesen Vergleich nicht allgemein als geistige Abstraktion bezeichnen, sondern als den Kern des rationalen Denkens, den Kern unserer Erkenntnisfähigkeit, den Kern der Logik und der Geometrie. Hätte unsere menschliche Urteilsfähigkeit nichts mit der Realität zu tun, dann wäre das Betreiben von Philosophie und Naturwissenschaft beliebig; beliebig sinnlos wie diese Debatte dann auch.
Man wird die Begriffsbildungen und geistigen Operationen von Menschen sicherlich von den Gegenständen in der Natur unterscheiden müssen. Wie bereits gesagt, existiert ein Gegenstand der Natur, z.B. eine Insel, auch dann, wenn kein Mensch sie jemals gesehen hat. Während eine Gewichtsangabe oder eine Vergleichsoperation nur dann existiert, wenn Menschen solche mathematischen Abstraktionen und Zuordnungen bzw. Operationen vornehmen. Dies wäre einfach der geistige Überbau zur materiellen Welt. Die menschliche Urteilsfähigkeit wäre absolut nicht vorhanden, wenn die Begrifflichkeiten nicht trennscharf gehandhabt würden. Wenn ich eine elektronische Schaltung mit der Tabellenkalkulation berechne, dann verwende ich irgendwann an der Uni vermittelte Fachkenntnisse in theoretischer Form, wenn jemand diese Berechnungen an einem konkreten Versuchsaufbau erprobt, dann findet eine Überprüfung des zuvor ausschließlich Gedachten an der physikalischen Realität statt. Falsch wäre es, das Erdachte bereits für die Realität zu halten. Dies wird in der Physik durch die Methodik gesichert, dass Theorien der Bestätigung z.B. durch ein Experiment bedürfen.
Faber hat geschrieben:Was aber die Inertialsysteme angeht, so ist deren tatsächliche objektive reale Existenz in exakt gleicher Weise gesichert wie die tatsächliche objektive reale Existenz der Rotation von Körpern. Der Unterschied zwischen beiden besteht darin, dass die Rotation von Körpern sichtbar und materiell ist, während die Inertialsysteme unsichtbar und immateriell sind.
Das kommt wiederum auf den Begriffsinhalt des Begriffes "Inertialsystem" an. Nach meinem Verständnis hat ein IS den Status eines speziellen Koordinatensystems, welches ein pur geistiges mathematisches Konstrukt ist, welches nur abstrakt existiert, wenn entsprechend denkende Menschen vorhanden sind. Die Rotation kommt allerdings auch dann vor, wenn keine Menschen vorhanden sind, z.B. die Rotation von Planeten. Somit würde IS zum geistigen Überbau gehören und Rotation zu einer Erscheinung in der materiellen Natur, d.h. da existieren riesige Unterschiede.
Faber hat geschrieben:Für Christen (wie auch für Idealisten), für die der Primat des Geistes selbstverständlich ist, die den Logos, den Geist, den Willen, die Ideen, die Vernunft, das Bewusstsein als das primär Wirkliche ansehen und die Materie nur als Produkt desselben, für solche ist der nicht anfassbare Teil der Natur, sind die geistigen Prinzipien das, was die sichtbare Natur regiert.
Die Physik gründet sich auf das, was irgendwie per Beobachtung, Beweis, experimentieller Bestätigung nachweisbar ist. Man kann jetzt tausende von philosophischen Sichtweisen angeben, die einfach nur ins Blaue hinein behauptet werden und erstmal durch eine philosophische Qualitätskontrolle müssten, bevor sie sich konkret auf die Naturwissenschaften beziehen können. Die These von dem Primat des Geistes, wäre eine Überstrapazierung der Zentrierung auf den Menschen. Der Mensch ist ein Stück Natur und kann für die Bewältigung seiner engbegrenzten Lebensumstände seinen Verstand benutzen, dabei sollte dieser Verstand aber auch nicht zum Maß aller Dinge gemacht werden. Zum anderen ist das Betreiben von Physik auch nicht einfach nur zweckfrei, sondern soll den Umgang mit Technik und die Bewältigung von Naturereignissen erlauben. Da sollte etwas die Kirche im Dorf gelassen werden. Es wäre eine Behauptung, dass die Planeten ohne Menschen, die Planeten sehen und denken, nicht vorhanden wären. Nur wir sind hier auf einer anwendungsorientierten Ebene, die sich etwas distanzieren sollte vom philosophischen Urschlamm - wenn man Auto fährt, fängt man auch nicht an plötzlich über Bewegung an sich und die Existenz oder nicht Existenz von Betonmauern nachzudenken - da existieren die Naturbedingungen unabhängig vom eigenen Denken und Phantasieren.
mfg