Und nun die Auflösung des Rätsels!
Man muss sich erstmal die Situation klarmachen. Jupiter befindet sich etwa 600 Millionen km von der Erde entfernt. Er erzeugt also eine bis zur Erde reichende Sphäre von 1200 Millionen km Durchmesser (und natürlich darüber hinaus). Der Planet hat einen äquatorialen Durchmesser von 142 800 km (etwa das 11-fache der Erde). Die Erde bewegt sich am Rand seiner gigantischen Sphäre und die Messbasis mit beispielsweise 15 km Länge ist auf dem Umfang dieser Sphäre ein so winziger Abschnitt (man könnte die Messbasis über 250 Millionen mal hintereinander auf diesem Umfang anlegen), dass die Krümmung der Sphäre kaum merkbar ist. Wie man an der optischen Auflösung des Jupiter erkennen kann (er wird noch als Scheibe gesehen) , kommen aufgrund seines großen Durchmessers Radiowellen über eine große Strecke hinweg senkrecht herunter und bilden eine Wellenfront aus den Wellen, welche die gleiche Strecke und Laufzeit hinter sich gebracht haben und deshalb dieselbe Phasenlage aufweisen. Diese Radiowellen enthalten Peaks, die über diese Strecke hinweg (und sogar über eine noch viel größere, die etwa dem Radius der Jupitersphäre entspricht) in dieser Wellenfront gleichzeitig aufscheinen.
Darüber, dass diese Wellenfront nahezu eine ebene Welle ist, braucht man nicht viel Worte zu verlieren. Diese Annahme ist jedenfalls über die kurze Strecke von 15 km zulässig. Nun bewegen sich aber Jupiter und Erde durch das All und das Licht braucht im angenommenen Fall etwa 33 Minuten vom Jupiter zur Erde und wir erwischen daher eine Wellenfront, die um ca. 740 000 km verschoben ist, das ergibt einen winzigen Verschiebungswinkel, der nur um etwa 0,07 Grad vom rechten Winkel abweicht. Was macht die Wellenfront? Neigt sie sich, hebt sie sich, ändert sie ihre Lage? Sie tut nichts dergleichen, denn es handelt sich um eine Parallelverschiebung. Zwar kommen jetzt alle Strahlen etwas schräger herunter, aber sie haben alle nach wie vor dieselbe Laufzeit oder Strecke hinter sich, auch wenn diese Strecke nun etwas länger ist. Auf Paralllelverschiebungen solcher Art ist zurückzuführen, dass Wellenfronten keine Aberration haben - ein Faktum das schon den seligen Fresnel zur Verzweiflung gebracht hat. Denn in der stellaren Aberration neigt sich zwar der Sichtwinkel, aber nicht die Wellenfront. Die bleibt wie sie war. Ganz dasselbe geschieht mit der Wellenfront, an der wir entlangfahren, die sogar mit uns mitfährt, weil ja Jupiter und Erde stationär zueinander sind.
Tatsächlich steht der Wellenvektor auf dieser Wellenfront schräg. Es kommt also wahrhaftig zu einer Verdrehung des Wellenvektors, während die Wellenfront nur parallel verschoben ist und ihre Lage nicht verändert hat. Da die Lichtlaufstrecke vom Jupiter schräg zur Erde etwas länger wurde und Licht im Äther maximal c hat, ergibt sich der Winkel dieser Verschiebung nicht haargenau aus v/c, das spielt aber keine Rolle, weil noch etwas bedeutsames geschieht: die Strahlen kommen schräg herunter und treffen z.B. auf die Linse eines Kollimationsfernrohrs, das sich mit 370 km/s dahin bewegt und es kommt zur allseits bekannten Aberration, weil sich durch die Bewegung die Impulsrichtung ändert. Photonen fahren nicht in ihrer Bewegungsrichtung ein, sondern im schon bekannten Winkel nach unten geneigt und hinter dieser neuen Richtung sieht man im Fernrohr den Jupiter. Es ist derselbe Vorgang wie bei der stellaren Aberration (kann man auch mit dem beknnten Regenbeispiel erklären). Dadurch ergibt sich eine Sichtachse, die tatsächlich genau auf den wahren Standort des Jupiter zeigt! Wir haben es also mit 2 Winkeln zu tun: 1.) dem Verschiebungswinkel und 2.) dem Aberrationswinkel, der genau denselben Betrag wie der erste hat. 1.) ist auf die Relativbewegung in Bezug zum Äther zurückzuführen. Der Aberrationswinkel ergibt sich immer. Er ist leicht zu berücksichtigen, denn der Aberrationswinkel ist genau gleich groß wie der Verschiebungswinkel (im Bezug zur Erde hat ja das Licht etwas weniger als c, dafür war vom Jupiter herab auch die Strecke etwas länger). Im Endeffekt gibt es keine optisch wahrnehmbare Abweichung, denn die Sichtachse zeigt ja genau auf den wahren Ort des Jupiter. Wer also seine Messbasis anhand der Sichtachse im Aberrationswinkel ausrichtet, tut gut daran, denn diese Messbasis kommt dann parallel zur Wellenfront zu liegen!

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Man kann über alles in diesem Experiment streiten, aber über die Ausrichtung der Messbasis zum Zeitpunkt der gleichzeitigen Ankunft der Signale in der Wellenfront nicht (wenn man von den anderen Faktoren absieht, die ein technisches Problem sind).
Im Übrigen wissen wir nun auch, wieso bei Driftexperimenten mit Lasern und dergleichen keine Aberration sichtbar wird, denn in Experimenten dieser Art werden
beide Winkel wirksam. Der Verschiebungswinkel wird immer vom Aberrationswinkel ausgeglichen. Das geschieht auch in Anordnungen a la Michelson, und es lohnt sich, diese Experimente mal genau unter dem Aspekt der Winkelkompensation durchzurechnen. Denn der Lichtweg im quer zur Bewegungsrichtung stehenden Arm des Michelson-Interferometers sieht womöglich anders aus, als man annimmt, wenn man nur an die Verschiebung denkt. Erklärungen, die das Nullresultat des MM-Versuchs unter Berücksichtigung des Impulsverhaltens aufzeigen, gibt es bereits. Aber das wäre schon ein anderes Thema.
Grüße
Harald Maurer