Das Problem der Gleichzeitigkeit

Hier wird die Relativitätstheorie Einsteins kritisiert oder verteidigt

Das Problem der Gleichzeitigkeit

Beitragvon Frau Holle » Sa 12. Okt 2024, 18:15

 
Im Faden "Das Problem der Gleichzeitigkeit" wurde lediglich ein Aufsatz zitiert und den Faden gleich gesperrt. Anscheinend ist eine Diskussion darüber nicht erwünscht.

Naja, der Aufsatz enthält die üblichen Behauptungen, unsachliche Polemik und Fehlschlüsse der Gegner von Einsteins SRT.

Zum Beispiel wird behauptet "Er [Einstein] arbeitet in diesem Stadium nur mit Gedankenexperimenten, ein sonst in der Naturwissenschaft verpöntes Verfahren."
An Gedankenexperimenten ist aber nichts verpönt. Mathematik ist z.B. ist einziges großes Gedankenexperiment. Man geht aus von Axiomen und Definitionen, und kommt innerhalb des so gesetzten Rahmens zu Beweisen durch logisch Schlüsse. So ergibt sich eine in sich geschlossene und konsistente Theorie wie u.a. die SRT. Das ist ein ganz normales Vorgehen in der Wissenschaft und kein Verpöntes.

Man muss auch solchen Unsinn lesen: "Die Wissenschaft verlangt reale Experimente. Der Zug muß mindestens 100 000 Kilometer lang sein [...] Der in der Relativitätstheorie vielverwendete «Einstein-Zug» ist ein sonderbares, phantastisches Gebilde, das von der Wirklichkeit und den einfachsten experimentellen Anforderungen so weit entfernt ist wie nur möglich."
Mit dem gleichen dummen Argument könnte man auch einem Mathematiker vorwerfen, dass er vom Dreieck mit den Kathetenlängen 3 Mio km und 4 Mio km keine Hypothenusenlänge von 5 Mio km beweisen kann, weil so große Dreiecke gar nicht realisierbar sind. :roll:

Dass es ein tendenziöser und unsachlicher Artikel ist sieht man auch an Äußerungen wie "Im Einklang mit der positivistischen Philosophie, die er vermutlich nur durch Mach kannte, sagte Einstein [...]". Als ob es irgend eine Rolle spielt, woher Einstein "vermutlich" eine positivistische Philosophie kannte...

Abgesehen davon enthält der Artikel viele logische Fehler. Aber das kennt man ja von den Crackpots und Nichtverstehern. Nichts Neues also.

Für die Fachwelt war Theimers Buch nicht mehr als eine kurze, vernichtende Rezension wert:

Die Relativitltstheorie
Theirner, W., (Lehre, Wirkung, Kritik)
Bern, Miinchen: Francke, 1977. 192 S., kart.
22,- DM.
Das Buch will eine Darstellung der Relativi-
tätstheorie (RT) sein, die "auch die Argumente
der 70 Jahre nach dem Auftreten der RT im-
mer noch starken Kritik" präsentiert. Welcher
Geist darin weht, deuten die anfänglichen Zita-
te an, in denen M. Born und E. Cassirer neben
zwei Autoren aus einem schmalbrüstigen
Pamphlet der 30er Jahre gegen Einstein gestellt
werden. Das ist aber nicht das einzige unge-
reimte der Schrift. Während z. B. das Experi-
ment von Hafele u. Keating zum Gang beweg-
ter Uhren und seine Verbesserung durch Alley
und Mitarbeiter ausführlich diskutiert werden,
ist der Verf. bei den so präzisen Messungen der
Ablenkung von Radiowellen am Sonnenrand
und den Radarmessungen im Planetensystem
(Shapiro u. Mitarb.) nicht auf dem Laufenden.
Daß die Genauigkeit der Rotverschiebungs-
messungen von Pound und Rebka fälschlicher-
weise mit nur 10 % angegeben wird, liegt auf
derselben Linie. - W. Theimer legt besonderen
Wert auf logische Fehler in der RT. Die Art
seines eigenen logischen Schließens erkennt
man an folgendem Zitat (S. 34): "Wenn es a
priori ein «früher» und ein «später» gibt, ist
nicht einzusehen, warum es nicht a priori auch
ein «gleichzeitig» geben sollte."
Mit den hier herausgefischten Mängeln wird
man dem Buch natürlich nicht gerecht. Aber
auch nach gründlicher Lektüre und trotz besten
Willens kann ich in ihm weder eine sachgerech-
te noch eine kritische Verarbeitung des Stoffes
sehen.
[4915]
H. Goenner, Göttingen

(Von Prof. Dr. Hubert Goenner, In: Physikalische BIätter 37 (1981) Nr. 3)
  
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Re: Das Problem der Gleichzeitigkeit

Beitragvon Skeptiker » Sa 12. Okt 2024, 18:33

Frau Holle hat geschrieben: 
Abgesehen davon enthält der Artikel viele logische Fehler.
 

Das Muster ist immer ähnlich, das eigene Missverstehen soll Einstein widerlegen. Das ist natürlich völlig sinnfrei,
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Re: Das Problem der Gleichzeitigkeit

Beitragvon Rudi Knoth » So 13. Okt 2024, 17:51

Ich frage mich, was diese Auszüge aus diesem Buch sein sollen. Will Harald dafür Werbung machen? oder ist darin der Grund seiner Ablehnung der SRT zu finden?

Gruß
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Re: Das Problem der Gleichzeitigkeit

Beitragvon Skeptiker » So 13. Okt 2024, 20:20

Harald muss wohl noch bisschen Werbung machen für das Buch. Ich hoffe er kopiert jetzt nicht jede einzelne Seite.
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Re: Das Problem der Gleichzeitigkeit

Beitragvon Rudi Knoth » Mo 14. Okt 2024, 08:36

Noch ein Kritikpunkt zu den Postings von Harald:

Der Autor (Theimer) bringt eher philosophische als physikalische Gründe gegen die SRT (Einstein) vor. Ob Philosophen nun manchmal auch in naturwissenschaftlichen Fragen daneben liegen können, ist ja seit Hegel bekannt. Er soll ja zu der Entdeckung des Asteroiden Ceres, die seiner Philosophie widersprach, gesagt haben "Umso schlimmer für die Tatsachen".

Gruß
Rudi Knoth
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Re: Das Problem der Gleichzeitigkeit

Beitragvon Frau Holle » Mo 14. Okt 2024, 11:39

Rudi Knoth hat geschrieben: 
Noch ein Kritikpunkt zu den Postings von Harald:

Der Autor (Theimer) bringt eher philosophische als physikalische Gründe gegen die SRT (Einstein) vor.

So ist es. Er stört sich daran, dass Einstein "die Wirklichkeit" mit dem gleichsetzt, was gemessen wird. Siehe Haralds Posting "Relativität der Längenmessung" mit einem weiteren Aufsatz Theimers.

Die Wirklichkeit so zu definieren ist aber das einzig sinnvolle in der Physik. Die deutsche Sprache drückt es sehr schön aus: "Wirklichkeit" kommt von Wirken, und meint das, was "tatsächlich" (= eine Sache tut etwas = wirkt) objektiv festgestellt wird, mit Messgeräten ganz eindeutig für jeden, die eine Messung macht.

Das Anliegen der Physik als Wissenschaft ist es, Naturgesetze für solche Wirkungen zu finden, die es erlauben "die Wirklichkeit" vorherzusagen, wenn man die gefundenen Gesetze in eindeutigen Formeln (Rechenvorschriften) ausdrücken kann und diese anwendet.

Es zeugt nicht gerade von Geistesgröße, wenn man die gefundenen Formeln und die ganze Logik dahinter anzweifelt – die ja nachweislich korrekte Vorhersagen erlauben – nur weil man die eigene philosophische Vorstellung von einer einzig wahren, jederzeit für alle gültigen Wirklichkeit in Gefahr sieht.

Solche Ängste sind ganz unnötig, denn "die Wirklichkeit" ist nicht in Gefahr. Sie stellt sich nur vielfältiger dar, als man sich das noch zu Galileis und Newtons Zeiten vorgestellt hat.

Im Aufsatz Relativität der Längenmessung sagt es Theimer im letzten Satz sogar korrekt: "die beiden Beobachter messen dasselbe Objekt mit verschiedenen Maßstäben. Der Maßstab, nicht das Objekt, ist durch die Lorentz-Transformation verändert."

Der Satz ist aber nicht nur korrekt "Für diejenigen, die Einsteins unbewiesene Voraussetzungen nicht teilen", wie Theimer fälschlich meint, sondern ergibt sich bewiesenermaßen aus den Voraussetzungen, aus dem Postulat der absolut gleichen Lichtgeschwindigkeit für alle. Diese bewahrt doch die ersehnte, einzig wahre Wirklichkeit, welche die Gegner der SRT grundlos gefährdet sehen. Diese einzige Wirklichkeit zeigt sich auch im invarianten raumzeitlichen Abstand der physikalischen Ereignisse, dem sogenannten Längenelement der Minkowski-Metrik.

Dass die Maßstäbe für Längen und Zeiten – namentlich die Basiseinheiten Meter und Sekunde – bei absoluter Lichtgeschwindigkeit zwingend unterschiedlich ausfallen müssen in relativ zueinander bewegten Inertialsystemen, das habe ich 2023 im Forum in einem Faden mathematisch bewiesen. Allerdings ging das sogar manchen Relativisten zu weit und es brach ein regelrechter Shitstorm los...
 
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Re: Das Problem der Gleichzeitigkeit

Beitragvon Lagrange » Mo 14. Okt 2024, 12:06

Frau Holle hat geschrieben:...
Es zeugt nicht gerade von Geistesgröße, wenn man die gefundenen Formeln und die ganze Logik dahinter anzweifelt – die ja nachweislich korrekte Vorhersagen erlauben – nur weil man die eigene philosophische Vorstellung von einer einzig wahren, jederzeit für alle gültigen Wirklichkeit in Gefahr sieht.
...

Es gibt nur eine einzig wahre Wirklichkeit. Wenn man etwas anderes misst, misst man falsch.
Lagrange
 
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Re: Das Problem der Gleichzeitigkeit

Beitragvon Rudi Knoth » Mo 14. Okt 2024, 12:26

@Frau Holle » Mo 14. Okt 2024, 12:39

Was die Fachrichtung von Herrn Theimer angeht, so lag ich da nach diesem Artikel in WIKIPEDIA wohl falsch. Er hat schon eine Naturwissenschaft studiert, aber trotzdem ist sein Lebenslauf für eine Akademikerlaufbahn nach meiner Ansicht ungewöhnlich.

Die Wirklichkeit so zu definieren ist aber das einzig sinnvolle in der Physik. Die deutsche Sprache drückt es sehr schön aus: "Wirklichkeit" kommt von Wirken, und meint das, was "tatsächlich" (= eine Sache tut etwas = wirkt) objektiv festgestellt wird, mit Messgeräten ganz eindeutig für jeden, die eine Messung macht.

Das Anliegen der Physik als Wissenschaft ist es, Naturgesetze für solche Wirkungen zu finden, die es erlauben "die Wirklichkeit" vorherzusagen, wenn man die gefundenen Gesetze in eindeutigen Formeln (Rechenvorschriften) ausdrücken kann und diese anwendet.

Es zeugt nicht gerade von Geistesgröße, wenn man die gefundenen Formeln und die ganze Logik dahinter anzweifelt – die ja nachweislich korrekte Vorhersagen erlauben – nur weil man die eigene philosophische Vorstellung von einer einzig wahren, jederzeit für alle gültigen Wirklichkeit in Gefahr sieht.


Im Prinzip stimme ich da überein. Da gibt es ja auch in diesem Forum unterschiedliche Auffassungen zu diesem Begriff.

Dass die Maßstäbe für Längen und Zeiten – namentlich die Basiseinheiten Meter und Sekunde – bei absoluter Lichtgeschwindigkeit zwingend unterschiedlich ausfallen müssen in relativ zueinander bewegten Inertialsystemen, das habe ich 2023 im Forum in einem Faden mathematisch bewiesen. Allerdings ging das sogar manchen Relativisten zu weit und es brach ein regelrechter Shitstorm los...


Da bin ich allerdings der Ansicht, daß man ja den invarianten raumzeitlichen Abstand irgendwie messen kann. Und dazu braucht man schon "invariante Maßstäbe".

Gruß
Rudi Knoth
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Re: Das Problem der Gleichzeitigkeit

Beitragvon Frau Holle » Mo 14. Okt 2024, 12:31

Lagrange hat geschrieben:Es gibt nur eine einzig wahre Wirklichkeit. Wenn man etwas anderes misst, misst man falsch.

Das macht nichts. Solange man mit den falschen Formeln die falschen Messergebnisse zuverlässig bis auf die 15. Stelle hinter dem Komma richtig vorhersagen kann ist alles Bestens. :lol:
 
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Re: Das Problem der Gleichzeitigkeit

Beitragvon Frau Holle » Mo 14. Okt 2024, 12:44

Rudi Knoth hat geschrieben:
Da bin ich allerdings der Ansicht, daß man ja den invarianten raumzeitlichen Abstand irgendwie messen kann. Und dazu braucht man schon "invariante Maßstäbe".

Wenn die Maßstäbe selber invariant wären, dann müsste man nicht extra den raumzeitlichen Abstand heranziehen um eine Invarianz zu finden. Es ist nur die LG invariant und der raumzeitliche Abstand.

Die absoluten Ereignisse Abreise und Rückkehr beim ZP-Szenario haben den räumlichen Abstand 0 und der zeitliche Abstand wird unterschiedlich gemessen. Folglich haben sie nicht mit invarianten Zeiteinheiten gemessen, sondern mit unterschiedlichen. Weiß nicht, wie man das anders sehen kann^^.
 
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