Hallo Harald
Harald Maurer hat geschrieben:
Obwohl die behauptete Lorentzkontraktion der Scheibe laut SRT nicht auftreten dürfte, da sich diese ausschließlich auf linear bewegte Inertialsysteme beschränkt, hat man immer wieder versucht, die SRT auch für nicht-euklidische Geometrie zu verallgemeinen. Paul Ehrenfest bezweifelte aber die Lorentzkontraktion und wandte ein, dass eine rotierende Scheibe immer kleiner werden und sich dabei verbiegen müsste.
Zunächst mal hat auch eine rotierende Scheibe, ähnlich wie ein durch Translation bewegter Körper, eine Relativgeschwindigkeit ihrer Umfangslinie zum Laborsystem. So gesehen ist es keine allzu grosse Überraschung, dass infinitesimal kleine Strecken auf der Umfangslinie um den gleichen Gamma-Faktor kontrahieren, so wie es ein durch Translation bewegter Körper ebenfalls tut.
Zitat:
Einstein veröffentlichte einige Gegenargumente und verschaffte Paul Ehrenfest einen sehr begehrten Lehrstuhl als Professor in den Niederlanden. Ehrenfest übte von da an keinerlei Kritik mehr an Einsteins Thesen...und das Ehrenfestsche Paradoxon wurde in den Lehrbüchern der speziellen Relativitätstheorie nicht mehr erwähnt !
Die beiden waren gut miteinander befreundet und haben auch in der Zeit von Ehrenfests Lehrstuhl in den Niederlanden einen regen brieflichen Austausch miteinander geführt. Ob Ehrenfest durch Einsteins Empfehlung an der Universität in Leiden kompromittiert war, kann ich nicht beurteilen, jedoch nahmen sich auch andere Physiker dieses Paradoxons an und kamen z.T. zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Während bereits ein Jahr später (1910) Max Planck für das nicht-Pi-zahlige Verhältnis von Umfang und Durchmesser eine Elastizitätstheorie forderte, wies Theodor Kaluza im gleichen Jahr als erster auf eine nicht-euklidische Geometrie der rotierenden Scheibe hin und führte sie auf eine hyperbolische Ebene zurück, ohne jedoch dieses Argument zu belegen. Inmitten seiner Arbeit zur ART wies Einstein im Jahre 1916 nach, dass ein auf der rotierenden Scheibe mitbewegter Beobachter den Scheibenumfang mit dem Rinnenmassstab (aus dem Laborsystem) um den Gamma-Faktor verlängert misst, mit seinen eigenen Massstäben jedoch mit U=2rPi. 1935 bemerkte Paul Langewin eine der Riemannschen-Metrik ähnliche Eigenschaft der rotierenden Scheibe und formulierte schliesslich die Langewin-Landau-Lifschitz-Metrik. Im Jahr 2000 veröffentlichte Hrvoje Nikolic ein auch hier diskutiertes
Paper, wonach das Paradoxon verschwindet, wenn jedem Punkt auf der rotierenden Scheibe ein eigenes lokales nicht-inertiales Bezugssystem zugeordnet wird.
Zitat:
Im Jahre 1973 wurde Ehrenfests Paradoxon vom Physiker Thomas E. Phipps experimentell überprüft. Das Resultat war bekanntlich ein Nulleffekt. Phipps reichte seine Ergebnisse bei der renomierten Fachzeitschrift NATURE ein. Eine Veröffentlichung wurde erwartungsgemäß strikt abgelehnt. Nur eine kleine italienische Fachzeitschrift publizierte zuerst diesen Versuch!
Darüber habe ich mich
auch schon ausgelassen. Ein kumulativer Effekt kann für Distanzmessungen ausgeschlossen werden. Ein solcher Effekt gälte allenfalls für Uhren, da sich die vom Radialabstand abhängigen Eigenzeiten auf der rotierenden Scheibe von der Zeit im Laborsystem unterscheiden.
Zitat:
Eine rotierende Scheibe ist in der Tat kein Inertialsystem. Daher kann man auf sie die Spezielle Relativitätstheorie nicht anwenden, auch wenn Trigemina, die drauf und dran ist, die ART neu zu erfinden (Stichwort Differenzialgeometrie), dies im Bestreben versucht, das Zahnradparadoxon Fabers zu widerlegen.
Richtig, eine rotierende Scheibe ist kein Inertialsystem, sondern setzt sich aus infinitesimal vielen lokalen nicht-inertialen Bezugssystemen zusammen, die über die Integration der einzelnen Minkowski-Räume zur nicht-euklidischen Geometrie führen.
Zitat:
Falls man die Lorentzkontraktion für das rotierende Rad berechnet, verkürzt sich dessen Umfang bei gleich bleibendem Radius genau im gleichen Ausmaß wie dies bei der im IS des Zahnradwaggons bewegten Zahnschiene geschieht - und man sollte meinen, die Rad-Zähne würden daher nach wie vor zu den Zähnen der Schiene passen.
Genau!
Zitat:
Fabers Paradoxon ist aber damit nicht widerlegbar. Denn sollte die Lorentzkontraktion tatsächlich den Umfang des Rades betreffen, so ist sie kumulativ (sowohl Faber als auch Trigemina haben diesen Umstand noch gar nicht bedacht!).
Eben nicht. Siehe weiter oben.
Zitat:
Einstein hätte nicht die ART entwickelt, wenn er diese Schwäche der SRT nicht erkannt hätte. Und die ART ist keinesfalls eine auf nicht-euklidische Geometrie verallgemeinerte SRT, sondern hat mit dieser überhaupt nichts zu tun (außer der Übernahme einiger Ausdrücke). Eigentlich hat er mit der ART die SRT widerlegt, indem er die Grundannahmen (Postulate) der SRT selbst relativierte. [...] Es ist deshalb nicht überraschend, dass sich viele "SRT-Paradoxa" ohne "ART-Hilfe" nicht widerlegen lassen.
Einsteins Ziel der ART war die Wechselwirkung zwischen Materie und ihren Feldern mit dem Raum und der Zeit. Für hinreichend kleine Raumzeit-Gebiete geht die ART in die SRT über, sodass die ART als Verallgemeinerung der SRT betrachtet werden kann. Ich selber kenne keine Paradoxa (sofern die Gravitation vernachlässigt werden kann), die sich nicht mittels der SRT auflösen liessen. Das Ehrenfest-Paradoxon selbstverständlich mit eingenommen.
Gruss